Interview mit der Regisseurin
Wie haben Sie das Milieu von „Tag und Nacht“ recherchiert?
Ich war bei einigen Escort-Service-Agenturen, auch um Studentinnen zu treffen, die dort arbeiten. Wir haben Abende mit denen verbracht, zum Teil mit Eva Testor, von der die Geschichte stammt, und dann war ich auch mit den Schauspielerinnen dort. Sogar Kundengespräche haben wir geführt, einfach, um zu sehen, wie sich das anfühlt. Ich persönlich habe mir auch sehr viele Pornos angeschaut, weil mich die Darstellung der Sexualität interessiert hat, vor allem die Frage, wann schaut man wohin und warum.
Gemeinhin werden Prostitution und Escort-Service mit Ausbeutung und Gewalt verbunden. Warum kommt das bei Ihnen gar nicht vor?
Wir wollten zwei Mädchen zeigen, die das freiwillig machen. Aus Lust und Spaß. Aus Selbstbestätigung. Möglicherweise auch aus einem persönlichen Manko heraus. Aber eben nicht aus Zwang und Gewalt. Natürlich gibt es auch Sexarbeit in Form von Sklaverei. Aber da würde ich eine ganz andere Geschichte erzählen. Mit ganz anderen Menschen. Da geht es auch um Macht, aber eben auf einer ganz anderen Ebene.
Wenn man den Vergleich wagen will: Wie viel Ausbeutung und wie viel Freiwilligkeit sind da vorhanden?
Freiwillig passiert nur selten was. Der Sexmarkt funktioniert wie jeder andere Markt auch. Das heißt, es muss billig sein, und damit es billig ist, muss ich Arbeitskräfte haben, denen ich kaum was bezahle. Da suche ich mir welche, die sich in einer Notlage befinden. Ein Blowjob kostet heute zehn bis zwanzig Euro. Auch Ficken gibt es um zehn bis zwanzig Euro. Die großen Bordelle, so wie sie früher waren, gibt es weniger. Es gibt einen Luxusmarkt, aber das ist ein ganz schmales Segment, das sich nur wenige leisten können. Die durchschnittliche Prostitution ist billig. So wie Fast Food gibt es mittlerweile auch Fast Sex. Das große Geschäft mit Sex ist gelaufen. Den Glamour gibt es nicht mehr. Heute muss alles schnell und billig gehen.
Sie sind auch als Dokumentarfilmerin bekannt. Warum haben Sie sich bei diesem Thema für das Spielfilmgenre entschlossen?
Ein Dokumentarfilm über Prostitution ist in Europa relativ schwierig zu machen. Weil man eher wenige Möglichkeiten zum Drehen kriegen wird. Beim Spielfilm gab es die Möglichkeit, sehr genau hinzuschauen, gewisse Momente zu zeigen, die einem wichtig erscheinen. Die Handlung bei „Tag und Nacht“ ist auf recherchiertem Material aufgebaut. Wir haben viel zusammengetragen und dann die einzelnen Szenen mit den Schauspielerinnen und Schauspielern erarbeitet.
Hatten Sie bei den Vorarbeiten zu „Tag und Nacht“, auch im Umgang mit Förderstellen, das Gefühl, hier in ein Tabuthema einzutauchen?
Ja, freilich. Es gab immer die gleichen Fragen: Wie soll das ausschauen? Was zeige ich und was zeige ich nicht? Warum zeige ich was? Was ist meine persönliche Haltung? Ob ich als Frau eine andere Haltung habe als die vielen Männer, die dieses Thema bearbeiten? Möglicherweise hat man mich als Frau viel genauer befragt, warum ich diesen Film machen will. Klar ist das ein Tabuthema.