Regisseur Interview
Herr Besuden, wie kamen Sie dazu, Filme zu machen mit Menschen mit Beeinträchtigungen?
Als ich noch im aktuellen journalistischen Bereich gearbeitet habe, bin ich zum ersten Mal in Kontakt zu Menschen gekommen, die wir als behindert bezeichnen. Da gab es Aktionen in der Stadt über die wir berichtet haben und ich habe ganz schnell gemerkt, dass sie mir gut gefallen. Sie sind anders, sie sind meistens ehrlicher, offener und weniger berechnend. Sie führen uns auch manchmal in andere, unvorhergesehene Richtungen, die wir sonst in diesem Beruf gar nicht gewöhnt sind. Das habe ich als überraschend, aber auch als angenehm empfunden und dann immer mal wieder die Gelegenheit genutzt, Beiträge zu machen für das Fernsehregionalmagazin, für das ich gearbeitet habe. Radio Bremen, buten un binnen.
Das war für mich so spannend, dass ich dann auch weiter gemacht habe mit längeren Filmen, 30 Minuten, 45 Minuten und Geschichten über sie und ihre künstlerische Arbeit – also über die Maler, über die Sänger, über die Schauspieler. Das ist wirklich beeindruckend, was da alles entsteht. Und alles immer mit einem Quäntchen neben der ,normalen‘ Spur, immer etwas Besonderes.
Daraus entwickelte sich dann auch der erste Spielfilm „Verrückt nach Paris“ und das war ein richtiger Durchbruch mit diesem Thema. Zu der Zeit, also 2002, bezeichnete man das noch nicht mit dem Begriff Inklusion. Die Arbeit war aber genau das, was wir heute mit diesem Begriff benennen.
Der lief auch auf der Berlinale?
Der lief als Welturaufführung auf der Berlinale und wurde dann mit seinen 280.000 Zuschauern bundesweit immerhin ein Achtungserfolg. Kein Blockbuster, aber ich war sehr froh über dieses Ergebnis.
Nun muss man so einen Film ja auch finanzieren. Ist das schwer oder ist es einfacher?
Nein, das ist schwierig und außerdem ist es eine sehr unschöne Phase des Filmemachens, das Geld zusammenzusuchen. Das Filmemachen ist ja was Schönes, etwas höchst Anspruchsvolles und auch Erfüllendes. Mit den Schauspielern umzugehen ist wunderbar und es macht ,meistens‘ Spaß und funktioniert vor allem über gegenseitigen Respekt. Den vermisse ich häufig bei der Frage nach finanzieller Unterstützung, das ist gerne auch mal einfach würdelos!
Da muss an so vielen Türen gekratzt werden und die Leute, die auf dem Geld sitzen, müssen überzeugt werden, dass das auch was höchst Spannendes werden kann für die Zuschauer. Das gängige Vorurteil sagt, dass solche Schauspieler das gar nicht können, dass sie so lange Strecken in einem Film nicht tragen werden. Es ist ein schweres unwägbares Gelände, auf dem wir uns da befinden.
Das sind Menschen, die häufiger ihren eigenen Willen haben und das auch zeigen als zum Beispiel professionelle Schauspieler. Sie sind eigenwilliger, manchmal auch kompromissloser. Also, gerade im Schauspielbereich ist es so, dass man getrost sagen kann, Diven gibt es überall.
Ist das denn wirklich anders und schwieriger in diesem Produktionsbereich?
Das ist anders schwieriger. Im professionellen Bereich gibt es Dramen, hier gibt es auch Dramen. Ich denke, dass man das auch gar nicht bewerten muss, aber hier sind sie manchmal noch ganz anders, anders als man es sich vorher vorgestellt hat. Und das funktioniert dann nur mit ganz viel Verständnis, mit Ruhe und meistens am allerbesten mit Humor und guter Stimmung am Set. Das ist tatsächlich immer wieder ein Schlüssel.
Tatsächlich ist es eine andere Art und Weise miteinander zu arbeiten, es ist auch manchmal schwierig, manchmal fast aussichtslos, aber in der Summe ist es anspruchsvoll, herausfordernd und führt auch, für alle Beteiligten, an den eigenen Tellerrand. Aber da entstehen ja auch die interessantesten Begegnungen und Arbeitsergebnisse. In der Mitte des Kuchens ist es immer langweiliger als am Rand. Da beginnen die Veränderungen. Das ist in der Gesellschaft genauso.
Wie sieht das im Detail aus?
Das Heikelste an der Arbeit mit diesen Schauspielern ist, dass man ihre schauspielerische Bandbreite trifft. Denn die ist hier tatsächlich häufig kleiner als bei professionellen Schauspielern. Aber sie ist da und wenn man sie findet und an der richtigen Stelle einsetzt, dann sieht man im Ergebnis kaum einen Unterschied.
Darüber hinaus ist es eher so, dass diese Schauspieler einen erheblichen Vorteil den anderen gegenüber haben, weil sie wesentlich authentischer rüberkommen und das macht sie wirklich zu besonderen Schauspielern, deren Wirkung dann später auf der Leinwand häufig ziemlich verblüffend ist.
Die Arbeit ist auch insofern anders, weil Arbeit am Drehbuch und Arbeit mit Schauspielern sehr ineinander greifen. Das Drehbuch ist nie fertig, wenn ich mit dem Proben beginne. In den Proben ergeben sich immer wieder neue Möglichkeiten dieser speziellen Person in der Rolle, die sie übernehmen soll, sodass das Drehbuch dann auch immer wieder weiterbearbeitet wird. Die Person fühlt sich in der Rolle dann immer wohler und ist irgendwann darin zu Hause. Der letzte Schliff an der Figur funktioniert immer gemeinsam mit dem Schauspieler, der diese Figur tragen soll.
Und das ist tatsächlich dann eine ganz andere Arbeit, als im sogenannten professionellen Bereich. Das ist auch manchmal heikler, aber es ist immer besonders. Darum heißen sie bei uns am Set auch immer die besonderen Schauspieler. Das klingt nicht nur besser, als wenn ich sage die behinderten Schauspieler. Das trifft es auch besser und ist auch respektvoller.
Wie kommt das denn beim Publikum an, vor allem bei dem Publikum, das nicht aus diesem Bereich kommt, also beim ganz normalen Publikum? Trauen die sich auch Kritik?
Da ist die Situation unter Zuschauern ähnlich wie in der Gesellschaft. Jeder denkt in einer bestimmten Weise über diese Leute, mit meistens mehr oder selten weniger Vorurteilen. Die meisten möchten im Allgemeinen, wenn es sich einrichten lässt, lieber nichts mit dieser Klientel zu tun haben.
Also wenn man ihnen z.B. an der Straßenbahnhaltestelle begegnet, geht man auch gerne ein Stück weg, unauffällig natürlich, die könnten einen ja anfassen. Manche nehmen einen auch einfach mal so in den Arm. Das wäre ja eine gruselige Vorstellung. Also am besten distanziere ich mich von ihnen und habe damit nichts zu tun. Dann muss ich mich auch nicht verhalten. Das ist genau das Problem, weswegen normale Zuschauer, ich nenne sie jetzt mal so, auch ungerne in solche Filme gehen. Wenn Sie aus irgendeinem Grund die Schwelle überschritten haben, dann begeistern wir sie fast immer für den Film und auch für die Schauspieler, aber dafür müssen sie erst einmal reingehen.
Das ist ein bisschen wie der Teufel und das Weihwasser, beides nur schwer kompatibel, aber die Herausforderung nehmen wir gerne an. „Weserlust Hotel“ ist wunderbar dafür geeignet mitzugehen und diese Schwelle zu überschreiten. Da wird kein Problem ausgelassen, aber alles geschieht auf eine charmante, ehrliche und mitreißende Art und Weise.
Sie haben Spielfilme und Dokumentarfilme zu diesem Thema gemacht. Welches Format eignet sich besser zu dieser Vermittlung?
Das ist schwer, da kann ich mich eigentlich gar nicht entscheiden. Wir haben ja mit „Weserlust Hotel“ und „All inclusive“ gerade beides gemacht. Mir macht auch beides sehr viel Spaß. Aber, ehrlich gesagt, für die Zuschauer ist am Ende des Tages der Dokumentarfilm vielleicht sogar der interessantere Film. Sie erfahren da mehr über die Menschen, die sie auf der Leinwand sehen. Da geht es weniger um das Spiel und die Rolle, da geht es vielmehr um die konkrete Person und ich denke, das ist tatsächlich der interessantere Teil.
Diese reale Person erzählt aus ihrem Leben und was sie tut und was sie will, worüber sie lacht und worüber sie traurig ist. Solche Dinge in einer Dokumentation herauszuholen und den Zuschauern zu zeigen ist spannend. Vor allem für die, die mit dem Thema gerne nichts zu tun haben wollen. Da kann sich dann etwas aufschließen und führt bestenfalls zu der Erkenntnis: Oh, so habe ich das ja noch gar nicht gesehen und dann brauche ich auch keine Angst zu haben vor den Leuten und nicht vor ihnen weglaufen! Das wäre für uns und unsere Arbeit das optimale Ergebnis.
Das Interview führte Beatrice Behn während der Internationalen Filmfestspiele Berlin 2017 für „FilmFestSpezial: Das Arthouse-Filmmagazin“.